Die Entthronungs-Phase beim Julimädchen

Als das Aprilmädchen geboren wurde, war das Julimädchen in einer absoluten Umbruchs-Zeit. Wir waren gerade umgezogen, sie wurde fast gleichzeitig große Schwester und kurz danach wurde sie drei und hat von der Tagesmutter in die Kita gewechselt. Sie hat das Ganze zwar irgendwie gut weggesteckt und vor allem in der ersten Zeit überwog die Freude über das süße kleine Geschwisterkind, mit dem sie viel kuscheln wollte.

Aber es gab auch Phasen, als sie wütend wurde, weil Mama und Papa plötzlich so wenig Zeit für sie hatten. Neben dem Zeitaufwand für die kleine Schwester kam bei uns noch das Auspacken von Umzugskartons und ein paar handwerkliche Arbeiten im neuen Haus dazu. Also auf einmal sehr viel Zeit und Aufmerksamkeit, die wir weniger für sie hatten.

Nach der Freude kam Enttäuschung über die fehlende Aufmerksamkeit

Das ist die Wut über die Entthronungsphase vollkommen verständlich, wie ich – zumindest im Nachhinein – absolut nachvollziehen kann. Wenn man als Eltern selbst mitten in diesem ganzen Chaos aus Umzugskisten und Windel wechseln steckt, kann man die Bedürfnisse gerade des großen Geschwisterkindes schnell übersehen, wie ich feststellen musste. Zum Glück war das Aprilmädchen zumindest tagsüber ein Baby, das sich im Gegensatz zu ihrer großen Schwester auch gerne mal im Laufstall oder anderswo ablegen ließ. So konnten wir recht schnell auch wieder vermehrt Zeit mit dem Julimädchen verbringen und ihr die nötige Aufmerksamkeit schenken.

Das Baby wächst und beginnt sich zu bewegen

Als das Aprilmädchen größer wurde, fand das Julimädchen es spannend, dass sie schon ein bisschen mit ihr spielen konnte. Natürlich war das Julimädchen sauer, als das Aprilmädchen anfing zu krabbeln und sich als erstes in Richtung Spielzeug-Aufbauten, Türme u.ä. bewegt hat, um diese zu zerstören. Gleichzeitig fand sie es spannend, dass sie nun noch mehr mit dem Baby interagieren konnte und die Kleine plötzlich mehr konnte als nur liegen und beobachten.

Vor allem morgens haben sich beide immer am meisten gefreut, das Gesicht und die offenen Augen ihrer Schwester zu sehen. Für uns Eltern hat das allerdings bedeutet: die Nacht ist vorbei, beide Kinder sind wach und möchten lieber anfangen zu spielen, als dass wir noch einmal die Chance hätten, zumindest eine von beiden zum Weiterschlafen zu überzeugen…

Die Corona-Lockdown-Zeit

Spätestens seit der Corona-Zeit sind die beiden ein Herz und eine Seele. Auch wenn sie am Anfang etwas unfreiwillig nur zu zweit miteinander spielen konnten, haben sie in dieser Zeit gelernt, bei Meinungsverschiedenheiten miteinander zu diskutieren (z.B. Spielzeuge zum Tausch anbieten, wenn man das Spielzeug der Schwester gerade möchte) und verstehen sich seitdem teilweise ohne Worte, die dem Aprilmädchen auch häufig noch fehlen.

Gemeinsam in der Kita

Seit das Aprilmädchen in der Kita-Eingewöhnung ist, freuen sich beide noch mehr darüber, einander jetzt auch wieder vormittags sehen zu können und in der Kita miteinander spielen zu können. Sie sind zwar in getrennten Gruppen, dürfen sich aber seit Wiedereinführung des Regelbetriebs gegenseitig besuchen und können vor allem auf dem Kita-Außengelände viel miteinander spielen. Das erleichtert die Eingewöhnung natürlich absolut. Am liebsten wäre es beiden sogar, wenn sie gemeinsam in einer Kita-Gruppe sein könnten.

Ich bin aber schon gespannt, was das eine Jahr Kita, das sie gemeinsam verbringen können, bevor das Julimädchen im nächsten Sommer in die Schule geht, für beide und ihre Beziehung zueinander noch bringen wird.

Geschwisterrivalität unbewusst fördern

Wie funktioniert das eigentlich, dass wir als Eltern unseren Kindern helfen, eine funktionierende und stabile Geschwisterbeziehung aufzubauen? Diese Frage hat mich mehr und mehr beschäftigt, je älter und aktiver das Aprilmädchen wurde und je mehr die beiden Schwestern auch tatsächlich gemeinsam und nicht nur nebeneinander spielen konnten.

Ich verrate dir erst mal, wie es nicht geht:

  • „Wer von euch kann am schnellsten seinen Schlafanzug anziehen?“
  • „Wer ist denn so ordentlich und räumt hier mal auf?“
  • „Du bist noch zu klein und chaotisch dazu, aber deine Schwester ist schon groß und vernünftig, die darf das schon.“
  • „Stimmt, du bist ja auch viel mutiger als deine Schwester und traust dich das schon.“

Mit all diesen Sätzen förderst du die Rivalität unter deinen Kindern. Vergleiche und Rollen, mit denen wir unsere Kinder in unserer Leistungsgesellschaft gerne motivieren möchten, Dinge besonders schnell / gut / ordentlich / … zu tun, setzen unsere Kinder unter Druck und versuchen „auf Knopfdruck“ eine bestimmte Leistung abzurufen, z.B. dass beide Kinder sich im abendlichen Stress möglichst schnell umziehen und die Zähne putzen. Meistens führt das nur leider dazu, dass ein Kind frustriert ist, weil es verloren hat und enttäuscht ist, dass es nicht so gut ist wie sein Geschwisterkind.

Ich muss sagen, das war mir auch lange nicht bewusst und gerade das „wer kann am schnellsten“-Spiel haben wir gerne gespielt, um Dinge schnell zu erledigen. Bewusst geworden ist mir dieser Fehler erst, als ich mich mehr mit der Rolle von Geschwistern im bindungsorientierten Familienleben beschäftigt habe.

Was können wir als Eltern stattdessen tun?

Wenn Geschwister zu Rivalen werden, geht es eigentlich nicht darum, wer gerade wirklich schneller, ordentlicher, vernünftiger oder mutiger ist. Stattdessen ist es den Kindern wichtig, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer Eltern haben.

Nicola Schmidt empfiehlt in ihrem Buch „Geschwister als Team“ daher, den Geschwistern immer wieder mitzuteilen, dass man alle Kinder so liebt, wie sie sind. Vielleicht sind sie manchmal ordentlich, manchmal wild, manchmal helfen sie toll im Haushalt mit und an anderen Tagen haben sie keine Lust dazu. Und das ist vollkommen okay, denn schließlich hat jeder mal gute und schlechte Tage, das geht uns Erwachsenen ja genauso.

Kinder sollten also niemals eine bestimmte Rolle oder Eigenschaft zugeteilt bekommen, in die sich am Ende vielleicht hinein gepresst fühlen und nicht mehr hinaus finden. Auch ein großes Kind möchte sicher am ein oder anderen Tag gerne noch mal klein sein und sich auch so benehmen dürfen.

Den Zusammenhalt der Geschwister in den Vordergrund stellen

Damit Geschwister verinnerlichen können, wie gut sie auch zusammenarbeiten können, ist es wichtig, das auch zu betonen. Unsere Gesellschaft neigt leider dazu, eher das Negative als das Positive hervorzuheben.

Statt den Geschwistern immer nur zu sagen, dass sie ständig streiten und das bitte bleiben lassen sollen, ist es also besser, wenn du ihnen sagst, wie gut sie Dinge zusammen machen können. Sei es zusammen spielen, zusammen im Haushalt helfen, oder sei es, dass die eine dem anderen hilft. So können Geschwister verinnerlichen, dass sie gut zusammenhalten können, auch wenn sie öfter streiten, aber das beides vollkommen okay ist.

Meine Empfehlungen

Was mir geholfen hat: möglichst viel bedürfnisorientierte Literatur über die Entthronung von Erstgeborenen lesen oder wenn das mit Baby und Umzugschaos gerade nicht möglich war, als Hörbuch hören.

  • Empfehlen kann ich z.B. Nicola Schmidts Buch „Geschwister als Team“, das leider erst nach der Geburt vom Aprilmädchen erschienen ist, mir aber trotzdem geholfen hat, vieles besser zu verstehen.
  • Ganz neu erschienen ist in diesem Monat das Geschwisterbuch von den Wunschkind-Blog-Autorinnen Danielle Seide und Katja Graf „Das gewünschteste Wunschkind treibt mich in den Wahnsinn – das Geschwisterbuch“.
  • Passend dazu gibt es auch ein „Baby ist da“-Buch, das die Geschichte mit dem neuen Geschwisterkind auf absolut realistische Weise für kleinere Kinder erzählt.

Inhaltlicher Überblick: was erwartet euch in den Büchern?

Wer sich einen groben ersten Überblick über „Geschwister als Team“ machen möchte, dem empfehle ich das Webinar zum Buch auf YouTube.

Zum Wunschkind-Geschwisterbuch und dem „Baby ist da“-Buch gibt es hier eine ausführliche Beschreibung der Autorinnen.

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Sonnenkinderleben.de: Ich bin Jenni und hier findest du mehr über mich.

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