Gerade im Advent und in der Weihnachtszeit treffen sich viele Familien mit einem größeren Verwandtenkreis. Auch wenn in diesem Jahr aufgrund der Pandemie noch nicht klar ist, ob und wenn ja in welchem Rahmen die Weihnachtsfeiern im Familienkreis dieses Jahr stattfinden können, kommen die Gespräche, die beim Zusammenkommen mehrerer Verwandten und Kindern stattfinden, doch häufig auf das Thema „Kindererziehung“.

Kennt ihr diese Sätze von Omas, Opas, Onkel und Tanten wie „Also bei uns hätte es das ja nicht gegeben!“ oder „Also die heutige Jugend ist ja so verwöhnt / respektlos / ungezogen /…“? Mir fällt es oft schwer, in solchen Situationen angemessen und schlagfertig zu reagieren.

Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle häufigen Vorurteilen zum bedürfnisorientierten Familienleben begegnen. Vielleicht hilft es ja bei der nächsten Diskussion über „Kindererziehung“ und die „heutige Jugend“..?

Vorurteil 1: Schlafen im Familienbett

„Deine Kinder schlafen immer noch in eurem Bett? Langsam wird es aber Zeit, dass sie in ihrem eigenen Zimmer schlafen – sonst bleiben sie noch für immer da!“

Weitere Vorurteile lauten, dass die Kinder so ja viel unruhiger schlafen würden und wach werden würden, wenn wir ins Bett gehen oder wenn eine der beiden unruhig schläft.

Ich sehe das Thema bisher ganz entspannt und das Schlafen im Familienbett hat sich bei uns irgendwie „nebenbei“ ergeben. Das war nichts, das von Anfang an so geplant gewesen wäre. Bisher hat keines der Kinder jedoch das Bedürfnis gehabt, langfristig im eigenen Bett und im eigenen Zimmer zu schlafen.

Die Möglichkeit ist da, aber vor allem das Hochbett im Zimmer vom Julimädchen wurde bisher nur in Ausnahmefällen genutzt – z.B. wenn eine/r von uns krank war und wir Ansteckungen vermeiden wollten. Stattdessen taugt ihr Hochbett in der Regel viel besser dafür, Höhlen zu bauen und sich dort tagsüber zu verstecken statt tatsächlich darin zu schlafen.

Und was die oben genannten Vorurteile angeht: ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wirklich für immer da bleiben werden. Irgendwann wird sicher von ganz alleine Punkt kommen, wo ihnen die Privatsphäre des eigenen Zimmers lieber ist.

Schlaf ist bei jedem Kinder und in jeder Familie individuell

Wie meine Kinder am besten schlafen, ist ja auch Interpretationssache: ob sie unruhiger schlafen, weil wir alle gemeinsam im selben Zimmer schlafen oder ob sie das im Halbschlaf mehr beruhigt, kann ich gar nicht wirklich beurteilen. Vielleicht würden sie ja auch viel wacher werden, wenn sie nachts zwar im eigenen Zimmer schlafen, dann aber doch wieder unsere Nähe suchen und erst mal aufstehen und damit viel wacher werden müssen, um zu uns zu kommen…

Wer weiß, vielleicht erledigt sich das Thema demnächst von alleine, wenn das Baby da ist und den beiden großen Schwester die Nächte dann doch zu unruhig sind. Ich habe aktuell allerdings die starke Vermutung, dass der Papa dann mit den beiden mit ins Kinderzimmer ausziehen muss…

Babys und Schlaf

Und Thema Schlaf alleine – unabhängig von der Debatte über Familienbett oder Schlafen im eigenen Zimmer – hat schon so viele Facetten und Streit-Möglichkeiten: wann schläft das Kind endlich durch? Warum schläft es nicht alleine in seinem eigenen Zimmer / Bett? Bei einem Baby kommt vielleicht noch dazu: warum schläft es nicht ohne Körperkontakt?

Leider gibt es ja immer noch den ein paar Befürworter:innen mit dem Argument „Du musst dein Baby auch mal schreien lassen, dann lernt es alleine zu schlafen“. Häufig folgt auf einen dieser Ratschläge der Satz „Also mir hat das auch nicht geschadet„.

Für mich zeigt das traurigerweise nur, wie wenig Empathie diese Menschen selbst erfahren haben und dementsprechend weitergeben können.

Vorurteil 2: Bedürfnisorientiertes Familienleben führt zu mangelndem Respekt

„Wenn du deine Kinder bedürfnisorientiert erziehst, haben sie doch gar keinen Respekt vor dir und tanzen dir auf der Nase herum!“ – Habt ihr solche Vorurteile auch schon gehört? Ich auf jeden Fall.

Dabei ist nicht nur das Vorurteil völlig unbegründet – sondern gemeint ist hier eigentlich nicht Respekt, sondern Angst. Wir bringen unseren Kindern durchaus Respekt bei bzw. leben ihn vor, lernen tun sie das ja von ganz alleine. Respekt vor uns Eltern, vor anderen Kindern, vor Käfern und anderen Lebewesen und Respekt vor der Natur. Gegenseitigen Respekt, bei dem jeder die Grenzen des anderen wahrt, so gut es geht.

Das Aprilmädchen mit seinen zwei Jahren haut ihre große Schwester oder auch uns Eltern natürlich schon mal, wenn sie wütend ist, aber dafür fehlt ihr einfach noch die Impulskontrolle. Das hat für mich nichts mit fehlendem Respekt zu tun.

Diskutieren ist erlaubt

Aber es ist mir wichtig, dass meine Kinder wissen, dass sie mit mir diskutieren können und ein Nein nicht immer unumstößlich ist, auch wenn ich natürlich ebenfalls Grenzen habe. Sie sollen wissen, dass sie keine Angst vor Strafen haben müssen, weil sie etwas falsch gemacht haben. Wichtiger ist mir, dass sie mich bzw. uns Eltern als Vorbilder oder – um es in Jesper Juuls Worten zu sagen – als Leitwölfe ansehen sollen.

Aber natürlich sind wir auch nicht frei von Fehlern, nachfragen und diskutieren ist absolut erlaubt – denn so können wir schließlich auch miteinander in Verbindung bleiben.

Also: „Respekt ja, Angst nein!“ lautet meine Antwort in diesem Fall.

Vorurteil 3: Verwöhnte und verzogene Kinder ohne Grenzen und Regeln

„Die Kinder kennen ja gar keine Grenzen – sie sind total verwöhnt!“ oder „Ihr müsst euren Kindern endlich Grenzen setzen, sondern werden sie total verwöhnt!“. Auch diesen Vorwurf bzw. – schlimmer noch – diese Drohung habe ich schon gehört.

Nein, bedürfnisorientiert bedeutet für mich nicht, dass meine Kinder keine Regeln und Grenzen kennen. Ich fühle mich auch nicht als Helikopter-Mutter, weil unsere Kinder viel getragen, lange gestillt wurden und im Familienbett schlafen.

Ist verwöhnen überhaupt etwas schlechtes?

Im Gegenteil: ich habe nicht, das Gefühl, dass meine Kinder verwöhnt oder – was eigentlich mit dem Vorwurf gemeint ist – verzogen sind. Das perfide an dem Wort „verwöhnt“ ist ja, dass es bei Kindern eine negative Eigenschaft darstellt, während man Erwachsenen aber oft empfiehlt, sich vom Partner, im Spa oder bei einer anderen Auszeit vom Familienleben verwöhnen zu lassen. Warum also soll das bei Kindern etwas schlechtes sein?

Sind meine Kinder also „verwöhnt“, indem ich ihnen zum Beispiel morgens beim Anziehen helfen, obwohl sie das längst selbst können? Wenn mir jemand einen Gefallen tut, dann freue ich, fühle mich wertgeschätzt und lieb gehabt. Aber erwarte ich automatisch, dass mir dieser Gefallen immer wieder getan wird? Ich finde nicht.

Bei uns führt das Helfen beim Anziehen jedenfalls in der Regel dazu, dass der Morgen wesentlich ausgeglichener verläuft, als wenn ich sie ständig daran erinnere, dass sie sich endlich anziehen sollen. Natürlich kommt es dabei auch auf das Alter der Kinder an. Aber ich sehe das entspannt: irgendwann wird von ganz alleine das Alter kommen, in dem meine Kinder sich alleine anziehen wollen und meine Hilfe ablehnen. Und bis dahin bin ich einfach froh, über einen möglichst entspannt ablaufenden Morgen.

Regeln und Grenzen

Und was das Thema Grenzen angeht: natürlich kennen meine Kinder Grenzen und Regeln. Vielleicht sind unsere Regeln anders und weiter gefasst als in anderen Familien, aber ganz ohne Regeln geht es eben auch nicht.

Im Gegenteil: meine Kinder kennen unglaublich viele Regeln. Wenn man sie danach fragt, kommen als erstes Sätze wie „Man darf nicht hauen, treten oder ärgern“. Und das ist im Prinzip auch einer der Grundsätze unseres Familienlebens: die Freiheit des einen Familienmitglieds hört da auf, wo die Grenzen des anderen beginnen.

Einander absichtlich weh tun, Dinge mutwillig zerstören oder ein anderes Familienmitglied gemein ärgern, sind verboten. Wichtig ist uns auch das Nein eines anderen zu akzeptieren, egal ob klein oder groß.

Andere Regeln haben wir dafür für unsere Familie neu definiert oder überdacht, wie das Thema mit dem Essen spielen.

Weitere Vorurteile:

Über diese Vorurteile zum bedürfnisorientierten Familienleben habe ich bereits in älteren Artikel geschrieben:

Vorurteile im Gespräch unaufgeregt widerlegen

Unerzogen oder bedürfnisorientiert – das bedeutet für viele eben leider noch, dass Kinder sich nicht den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entsprechend benehmen können und nicht auf ihre Eltern und andere Erwachsene „hören“ würden. Es bedeutet aber tatsächlich überhaupt nicht, dass Kinder keine Regeln kennen und ohne Grenzen tun und lassen können, was sie möchten. Dieses Vorurteil möchte ich gerne widerlegen.

Egal wie es nennen mag, dass Kinder eben nicht erzogen, sondern beim Aufwachsen begleitet werden: Tatsächlich müssen wir Eltern unseren Kindern im Prinzip nichts beibringen. Sie lernen allein durch unser Vorbild – sei es das Bitte und Danke sagen, das gewaltfreie Lösen von Konflikten oder das Respektieren anderer Menschen, egal ob klein oder groß.

Wie man mit solchen Vorurteilen aufräumen kann, ohne dass das Gespräch in einem Streit endet, dazu gibt es Tipps bei Susanne von Geborgen-wachsen.de.

Ich hoffe, ich konnte euch (und mir selbst) hier ein paar Argumente und Tipps für die nächste Familienfeier an die Hand geben.

Welche weiteren Vorurteile sind euch in Bezug auf euer Familienleben schon begegnet? Welche Diskussion habt ihr mit Verwandten oder Bekannten schon geführt oder führen müssen?

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Sonnenkinderleben.de: Ich bin Jenni und hier findest du mehr über mich.

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