… und warum unsere Gesellschaft noch immer von Nazi-Erziehungsmethoden geprägt scheint
Es gibt Situationen, die beschäftigen eine*n lange, nachdem sie passiert sind. Als meine mittlerweile 8-Jährige erst 4 war und die Kleinste noch gar nicht geboren, war ich mit meinen Kindern mit Kinderwagen und Trage unterwegs. Die Große, wie gesagt, zu dem Zeitpunkt 4 Jahre alt, saß im Kinderwagen, die Kleine, zu dem Zeitpunkt knapp ein Jahr alt, trug ich in der Trage. Unterwegs begegnete uns eine andere Mutter, deren zwei Kinder ungefähr gleich alt waren wie meine. Sie sah mich, wie ich die Kleine trug und die Große zusammen mit unseren Einkäufen im Kinderwagen vor mir her schob.
„Du bist ja ganz schön bepackt“, sagte sie, „also ich habe mir ja abgewöhnt, den Kleinen zu tragen, obwohl er im Kinderwagen häufig ganz schön unzufrieden ist. Aber er wurde langsam schwer und ich wollte ihn nicht so verwöhnen.“ – „Naja, manchmal tauschen wir sogar und dann sitzt die Kleine im Kinderwagen und die Große sitzt in der Trage, wenn sie zu müde zum Laufen ist“, erwiderte ich. Wir verabschiedeten uns und gingen unserer Wege. Doch ihre Worte hallten noch eine Weile in mir nach.
Übers Verwöhnen – durch Körpernähe, Gefallen und Liebe
So oder so ähnlich habe ich die Sache mit dem Verwöhnen schon öfter gehört und ich habe mehr als einmal verwunderte Blicke geerntet, gerade wenn ich so bepackt durch die Gegend laufe und vor allem, wenn dann auch noch die Große in der Trage ist. „Du kannst doch bestimmt schon selbst laufen. Du brauchst doch gar nicht mehr getragen werden und bist doch auch viel zu schwer für deine Mama“, heißt es dann oft.
Ja, das mag sein. Klar, kann sie laufen. Doch gerade, wenn ich sie zu Fuß vom Kindergarten abhole, ist sie oft müde und möchte ein bisschen ausruhen, während ich noch Besorgungen machen möchte. Meist setzen wir die Große dann in den Kinderwagen, die Kleine in die Trage, weil das in der Tat leichter für mich ist. Wenn die Kleine aber gerade im Kinderwagen schläft oder isst, setze ich sie die Große lieber in die Trage. Manchmal fragt sie auch selbst danach, wenn ihr nach Kuscheln ist.
Ich möchte meine Kinder nicht schreien lassen
In den ersten Monaten mit der Kleinen war es bei uns auch oft so, dass sie nicht im Kinderwagen liegen wollte. Also haben wir sie fast überall hin getragen. Nicht mal in den Urlaub haben wir einen Kinderwagen mitgenommen, für mehr als einen Buggy für die Große war im Kofferraum ohnehin nie Platz.
Warum sollte ich ein Baby oder Kleinkind im Kinderwagen schreien lassen? Das hat für mich nichts mit verwöhnen zu tun, wie die Mutter, die wir getroffen haben, meinte. Mein Baby hat das Bedürfnis nach Nähe oder findet das Liegen im Kinderwagen einfach langweilig, weil man im Liegen schließlich bei Weitem nicht so viel sehen kann wie aus der Trage heraus. Seit sie sitzen kann, findet sie den Kinderwagen übrigens super.
Ein Baby kann man nicht verwöhnen
Punkt. Aus. Mein Baby braucht mich und ich komme seinem Bedürfnis nach Nähe, getragen werden, Nahrung usw. nach. Es hat noch kein Verständnis von Zeit und weiß nicht, ob Mama nur mal kurz auf Toilette ist, während es sicher in seinem Bett liegt oder ob Gefahr droht, wenn es ganz allein im Dunklen aufgewacht ist. In seinem steinzeitlichen Gehirn ist nach Hilfe rufen, die sichere Variante zum Überleben.
Mittlerweile ist die Kleine schon ein Kleinkind und kein Baby mehr. Sie ist in der Lage, kurz warten zu können, wenn sie Hunger, Durst oder Müdigkeit überkommt. Wenn sie allerdings zu lange warten muss, beschwert sie sich lautstark. Mehr als ein paar Minuten Geduld hat sie noch nicht und das ist vollkommen in Ordnung und im Übrigen auch entwicklungsbedingt. Natürlich gibt es bei uns auch Situationen, in denen die Kleine länger als geplant warten muss, wenn die große Schwester zum Beispiel noch mal dringend auf Toilette muss, oder sich beim Losgehen nicht für eine Jacke entscheiden kann. Dann tut die Kleine uns ihren Ärger kund.
Es macht mich traurig, wenn ich höre, dass andere Eltern ihre Babys und Kleinkinder auf gar keinen Fall verwöhnen wollen. Ich verstehe nicht, warum verwöhnen in Bezug auf Kinder noch immer eine solche negative Konnotation hat, während es bei uns Erwachsenen so oft heißt „Lass dich mal so richtig verwöhnen“.
Ist Verwöhnen wirklich etwas schlechtes?
Entspannung und Verwöhnen tut uns doch allen gut. Bei uns Erwachsenen mag das ein Besuch im Spa, bei der Massage, beim Friseur sein oder was auch immer es ist, was uns gut tut, um uns vom stressigen Alltag zu erholen. Bei Kindern sind es doch vielmehr die alltäglichen Dinge, bei denen wir ihnen helfen können, um ihnen weniger Stress zu gönnen. Ob ich nun mein Kind, das bereits laufen kann, durch die Gegend trage oder schiebe, wenn es müde, dem Kind morgens beim Anziehen, Esssen usw. helfe, damit es besser in den Tag starten kann oder mir selbst eine Auszeit gönne – für mich macht das keinen Unterschied. Warum sollte ich meinem Kind verwehren, was ich selbst gern mag?
Und warum erntet man so viele verwunderte oder fragende Blicke, wenn man etwas tut, was außerhalb der Norm liegt (was auch immer diese Norm gerade ist). Zum Beispiel, wenn ich die vierjährige trage oder die einjährige in der Öffentlichkeit stille. „Dafür bist du doch schon viel zu groß“, heißt es dann wieder. Nein, das finde ich nicht. Auch unsere Kinder haben eine Pause verdient – genauso wie wir.
Johanna Haarers Erben
Woher kommt diese Angst vor dem Verwöhnen, habe ich mich gefragt. Wie die Zeit vor einer Weile schrieb, wurden die Bücher von Johanna Haarer, Ärztin im NS-Regime, als Standardwerk für Eltern verkauft und gelesen noch bis in die 1970er/1980er Jahre . Und sie prägen unsere Gesellschaft und deren Sicht auf unsere Kinder noch immer. Auch das Stillen nicht nach Bedarf, sondern nach einem strikten Zeitplan, gibt Haarer vor. Die meisten ihrer Aussagen wurden zum Glück mittlerweile wissenschaftlich widerlegt.
Doch Autoren wie Annette Kast-Zahn oder Michael Winterhoff bestärken diese Angst, dass aus unseren Kindern kleine Tyrannen werden könnten, noch heute. Zum Glück gibt es auf der anderen Seite mindestens ebenso viele Autoren, die uns bedürfnisorientierte Kindererziehung ans Herz legen. Viele davon habe ich in meinen Buchtipps bereits vorgestellt. Ein Zitat-Beispiel:
„Das verbreitetste Erziehungsproblem in unserer Gesellschaft ist nicht die zu große Toleranz, sondern die Angst vor zu großer Toleranz. Wir fürchten uns so davor, Kinder zu verwöhnen, dass wir sie im Endeffekt oft übertrieben kontrollieren.“
Aus dem Buch „Liebe und Eigenständigkeit“ von Alfie Kohn, S. 60.
Weitere Alfie Kohn Zitate habe ich übrigens in einem eigenen Artikel zusammengestellt.
Ein Umdenken ist wichtiger denn je
Doch wie traurig ist es, dass viele Eltern ihre Kinder noch immer so erziehen, wie ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern zuvor? Schließlich hat sich die Gesellschaft seitdem doch auch grundlegend verändert, nur unsere Erziehungsmethoden mehrheitlich noch nicht. Was für ein Glück für unsere Kinder, dass sich immer mehr Eltern mit bedürfnisorientierter Kindererziehung beschäftigen und ihre Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse respektieren.
Wenn wir unsere Erziehung ungefragt von unseren Eltern und Großeltern übernehmen, entwickeln wir uns nicht weiter. Wir tragen weiterhin transgenerationale Traumata weiter mit uns herum – und geben sie an unsere Kinder weiter. Wenn ich die aktuellen politischen Ereignisse und die vielen Demonstrationen gegen Rechts sehe, glaube ich, dass eine politische Positionierung und der Versuch, ein Umdenken in der Gesellschaft zu bewirken, heute vielleicht wichtiger ist als jemals zuvor.
Warum? Weil ich nie wieder zurück möchte – zu Nazimethoden und besagtem Buch von Johanna Haarer. Wie das aussehen könnte, zeigt übrigens die Serie „The Man in the High Castle“, die in einer Parallelgesellschaft spielt, in der Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben und die USA unter sich aufgeteilt haben. Oder die Serie „The Handmaid’s Tale“, in der die amerikanische Gesellschaft aufgrund von Unfruchtbarkeit einen gewaltigen Rechtsruck erlebt und sich in einen streng patriarchalischen, christlich-fundamentalistischen Gottesstaat verwandelt hat, in dem eine von Gewalt geprägte Militärdiktatur herrscht und in dem Frauen weitestgehend rechtlos sind.
Zum Glück sind beide Serien Fiktion, doch manchmal sehe ich erschreckend viele Parallelen zu aktuellen Entwicklungen und Ereignissen – hier oder in anderen Teilen der Welt. Und das gilt es unbedingt zu verhindern, denke ich.
Ist bedürfnisorientierte Kindererziehung also politisch?
Ja, ich denke schon. Vorausgesetzt, dass wir unsere Kinder wirklich bedürfnisorientiert, auf Augenhöhe und respektvoll behandeln. Denn in der bedürfnisorientierten Szene gibt es schon seit längerer Zeit eine Unterwanderung von rechts, wie Nora Imlau bereits 2020 festgestellt hat. Und Ruth Abrahams von Derkompass.org hat das Thema zuletzt noch mal in ihrem Podcast (Folge 90) im Interview mit Susanne Mierau aufgegriffen.
Sinngemäß sagt sie dort: „Friedvolle und bedürfnisorientierte Elternschaft ist niemals rechts, sondern immer links. Frieden und Bedürfnisbefriedigung stimmen nicht mit rechter Propaganda überein, die ausgrenzen und Hass schüren möchte.“
Es gibt also so viele Gründe, warum es wichtig ist, jetzt gegen Rechts aufzustehen – damit die Geschichte sich nicht wiederholt und die Vergangenheit in der Vergangenheit bleibt. Und ich finde es wichtig, nicht nur diese Art des Familienlebens, sondern auch eben diesen Aktivismus auch an unsere Kinder weiterzugeben.
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Sonnenkinderleben.de: Ich bin Jenni und ich bin feministische Coachin, artgerecht® Erziehen ohne Schimpfen Coach, Dreifachmama, begeisterte Anwenderin der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg sowie Content- und Marketing-Expertin. Hier findest du mehr über mich.
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Hi Jenni,
ich bin gerade auf deinen Artikel gestoßen und wollte dir nur sagen, wie cool ich deine Mission finde, die bedürfnisorientierte Erziehung weiterzuverbreiten 🙂 Wir selbst haben eine fast dreijährige Tochter und leben auch bindungs- und bedürfnisorientiert. Heutzutage gibt es ja auf Instagram schon wirklich viele tolle Profile zu dem Thema, aber als deine Kinder noch so klein waren, hast du dich sicher oft unverstanden gefühlt. Um so cooler, dass du dein Ding durchgezogen hast :).
Ganz liebe Grüße
Marlena von http://www.gluckenjahre.com