Gleichberechtigung – was ist das eigentlich?

Und sind wir nicht alle längst gleichberechtigt? Oder ist Gleichberechtigung im Elternleben eher Wunschtraum als Realität?

Wir befinden uns im Jahr 2024: 75 Jahre nach Inkrafttreten des Grundgesetzes, das in Deutschland die – zumindest formale – Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau garantieren sollte, und 47 Jahre nachdem die volle Gleichstellung auch im Familienrecht gesetzlich verankert wurde. Also alles gut in Sachen Gleichberechtigung?

„Patriarchat ist, wenn ein Volk lieber einen verurteilten Verbrecher zum Präsidenten wählt – als eine Frau. Und erst recht lieber als eine Schwarze Frau.“

Alexandra Zykunov, @alexandra____z

Gleichzeitig trenden auf Social Media gerade Hashtags wie „Your body, my choice“ als provokative Umkehrung des feministischen Slogans „my body, my choice“, was derzeit verwendet wird, um Frauen zu verspotten oder zu belästigen. Ein Trend übrigens, der nach der Wiederwahl von Donald Trump verstärkt wurde und sich besonders in Diskussionen um Frauenrechte und Abtreibung findet. In der Zwischenzeit zerbricht die Ampel-Koalition in Deutschland und ein CDU-Politiker stellt das Frauenwahlrecht in Frage, bisher ohne Kommentare oder Abstrafungen der CDU-Führungsriege, soweit ich es mitbekommen habe:

Quelle: https://www.instagram.com/p/DCRy5WHM-Sr/?img_index=2
Quelle: https://www.instagram.com/p/DCRy5WHM-Sr/?img_index=2

Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber ich habe das Gefühl, dass konservative Kräfte gegen Gleichberechtigung und Frauenrechte gerade wieder richtig Aufwind bekommen – durch das Wahlergebnis in den USA erst recht, aber auch schon vorher.

Ein bisschen Hoffnung macht mir dagegen der Trend „#womaninmalefields“, bei dem Frauen stereotypes Verhalten von Männern nachahmen und parodieren. Schaut euch den Trend unbedingt mal an – ich habe zahlreiche Beiträge auf Instagram, Threads und auch auf LinkedIn gesehen und finde sie einfach großartig!

Abseits der politischen Situation: wie funktioniert Gleichberechtigung und Vereinbarkeit?

Tja, wie sieht diese Gleichberechtigung denn nun aktuell wirklich aus? Und wie ist der Status Quo? Ein paar Zitate dazu, die ich letzter Zeit dazu gefunden habe:

„Studien zeigen: sechs Stunden zu arbeiten ist nur halb so anstrengend wie drei Stunden ein Kleinkind zu hüten. Es ist unfair, das gleichzusetzen: Ich habe gearbeitet, du hattest das Kind, wir sind quitt.“

aus: Nicola Schmidt, „artgerecht – der andere Kleinkindplaner“, S. 116

„Der Care Gap beginnt im Kinderzimmer, denn Puppen haben keine Väter.“

Almut Schnerring, @rosahellblaufalle

„Paare gehen gleichberechtigt in den Kreißsaal und kommen als Familie der 60er Jahre wieder nach Hause.“

Heiner Fischer, Vaterwelten.de

Gleichberechtigung fühlt sich anders an, oder? Die harten Fakten des Statistischen Bundesamtes:

Laut Statistischem Bundesamt beträgt der Gender Care Gap, also der Unterschied unbezahlter Arbeit von Frauen und Männern, aktuell 44,3%. Am höchsten ist die Zeitverwendung für unbezahlte Arbeit übrigens bei Frauen, deren jüngstes Kind unter 6 Jahren alt ist: hier liegt die unbezahlte Care Arbeit durchschnittlich bei 48:14 Stunden pro Woche, im Gegensatz zum Durchschnitt aller Frauen von 29:03 Stunden pro Woche:

Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit von Frauen, 2022, fehlende Gleichberechtigung

48 Stunden und 14 Minuten: Das ist mehr als eine Vollzeitstelle beinhaltet – und viele Frauen gehen „nebenbei“ ja auch noch arbeiten. Mein jüngstes Kind ist übrigens gerade 3 Jahre alt – ich bin also Teil dieser Statistik.

Und wie sieht das ganze bei Männern aus?

“Bei Männern mit minderjährigen Kindern im eigenen Haushalt liegt der Umfang der Erwerbsarbeit […] unabhängig vom Alter des jüngsten Kindes bei durchschnittlich knapp 33 Stunden (alt: rund 32 Stunden) pro Woche. Damit leisten 18- bis 64-Jährige Väter pro Woche 4,5 Stunden mehr Erwerbsarbeit als 18- bis 64-jährige Männer ohne Kinder.”

Quelle: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/02/PD24_073_63991.html

Während Frauen überwiegend unbezahlte Care Arbeit leisten, arbeiten Väter sogar mehr Stunden in ihrer Erwerbsarbeit. Und mir ist schon klar, welches Argument jetzt angebracht wird: irgendjemand muss die Familie ja versorgen und das ist eben häufig der besser verdienende Mann, oder? Und das Totschlagargument „Er verdient halt einfach mehr, als bleibt sie natürlich zu Hause“ haben wir doch alle bereits irgendwo gehört – oder vielleicht sogar selbst angewendet..?

Spannend wird es aber, wenn wir eine Frau haben, die die Besserverdienerin der Familie ist. Hier werden die Argumente dann nämlich meist umgedreht. Da heißt es dann gerne, das sie zwar mehr verdient, aber die Frau eben diejenige ist, die mit dem Kind zu Hause ist und der Vater kann ja schließlich auch nicht stillen.

Das zeigt uns wieder, dass Erwerbsarbeit eine deutlich höhere Wertigkeit als Care Arbeit hat – und dass die patriarchale Gesellschaft, in der wir leben, uns alle geprägt hat. Doch ohne die vorwiegend unsichtbare Care Arbeit würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren.

Wie wir alle für mehr Gleichberechtigung eintreten können: ein paar Beispiele

  • Der Care Rechner von Johanna Fröhlich Zapata: Hier kannst du berechnen, wie viel deine unbezahlte Arbeit wert ist und einen Stundenlohn dafür festlegen. Als Minimum ist der Mindestlohn angegeben und wenn ich das ausrechne, kommt bereits ein mittlerer fünfstelliger Bereich dabei raus – bei Mindestlohn und mehr als 2 Kinder lässt der Rechner leider nicht zu. Meine Empfehlung: Unbedingt ausrechnen & mit dem zweiten Elternteil über den Wert dieser Arbeit sprechen. Wenn du die Person mit der überwiegend unbezahlten Care Arbeit bist, solltest du auch einen finanziellen Ausgleich für die Care Arbeit ansprechen.
  • Gemeinsam statt gegeneinander: “Attack the problem, not each other!”: Wir sollten unseren Kindern ein Vorbild sein und nicht schlecht über andere Frauen reden (oder denken…). Ganz egal, ob sie eine andere Entscheidung getroffen haben als wir es getan haben oder ihr Kind anders erziehen als wir oder kein Kind haben oder was auch immer.
  • “Bildet Banden”: suche dir Frauen-Communities oder Frauenkreise und finde Gleichgesinnte, um sich so gegenseitig zu stärken.
  • Auf Selbstfürsorge & Achtsamkeit achten, auch wenn es schwer fällt: Pausen machen und nicht für die Kinder, den Mann, deine Arbeit oder sonst irgendwen erreichbar sein – regelmäßig für 5 Minuten, für 30 Minuten oder auch zwischendurch immer mal wieder für ein ganzes Wochenende!

„Fun Fact“ – oder eigentlich eine traurige Tatsache am Rande:

Bei der Recherche für diesen Artikel habe ich auch die KI befragt. Zum Thema #womeninmalefields erhielt ich u.a. folgenden Antwortsatz: „Oft werden dabei angeblich „toxische“ Eigenschaften wie Gaslighting, Manipulation oder Ignorieren thematisiert.“

Die Kritik an ChatGPT und weiteren KIs, nicht neutral und tendenziell eher sexistisch frauenfeindlich zu sein, kann ich an dieser Stelle also leider nur bestätigen, wenn das Wort „toxisch“ in Anführungszeichen geschrieben wird. Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber ich finde das von der KI beschriebene Verhalten definitiv toxisch…

Mehr dazu:

Wenn du mehr zu diesem Thema erfahren möchtest: am 10.12.24 halte ich im Business-Netzwerk Fembodied.de* eine Live Class zum Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Ich freue mich, wenn du auch dazu kommst und dir meinen Vortrag ansiehst!

Du liest diesen Beitrag erst jetzt, der 10.12. ist längst vorbei und du hast meinen Vortrag verpasst? Kein Problem, der Vortrag wurde aufgezeichnet und du kannst ihn dir als Fembodied-Mitglied jederzeit noch ansehen.

Weitere Beiträge zu Gleichberechtigung und Vereinbarkeit in meinem Blog:

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*[Werbung:] Der Text enthält Affiliate Links. Das bedeutet, dass ich eine kleine Provision erhalte, wenn ihr auf einen der mit Sternchen (*) versehenen Links klickt und darüber einkauft. Euch entsteht dadurch kein Nachteil, aber ihr unterstützt damit meine Arbeit.

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Profilbild Jenni Kappes

Sonnenkinderleben.de: Ich bin Jenni und ich bin feministische Coachin, artgerecht® Erziehen ohne Schimpfen Coach, Dreifachmama, begeisterte Anwenderin der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg sowie Content- und Marketing-Expertin. Hier findest du mehr über mich.

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