Ein Interview mit Neuro-Coach Britta Zytariuk
Wenn ein Kind autistisch ist oder ADHS hat, stehen viele Eltern plötzlich vor einer neuen Realität. Zwischen Unsicherheit, widersprüchlichen Informationen und der Suche nach dem „richtigen“ Umgang tauchen unzählige Fragen auf: Was braucht mein Kind wirklich? Und wie kann ich es bestmöglich begleiten?
Im Interview spreche ich mit Britta Zytariuk – selbst Mutter neurodivergenter Kinder und erfahrene Coachin – über das Leben mit Autismus und ADHS. Sie teilt ihre persönlichen Erfahrungen, räumt mit Mythen auf und zeigt, wie Eltern ihr Kind besser verstehen, im Alltag begleiten und Schritt für Schritt mehr Sicherheit gewinnen können.
Neurodiversität verstehen: Wie ein neuer Blick auf dein Kind entstehen kann
Liebe Britta, du bist als Eltern-Coach auf Neurodiversität und Autismus spezialisiert und hast ein Buch geschrieben über Autismus. Ich freue mich sehr, dass ich dir heute ein paar Fragen dazu stellen darf. Stell dich doch als Erstes gerne mal selbst vor: wer bist du, was machst du und wie kam es dazu, dass du dein Buch geschrieben hast?
Britta: Danke, dass du mir die Möglichkeit hier gibst, meine Arbeit bei dir vorzustellen. Ich heiße Britta Zytariuk und bin Mama zweier erwachsener, neurodivergenter Kinder. Der Große hat ADHS und der kleine – eigentlich muss ich sagen, der Jüngere – ist Asperger Autist. Somit weiß ich aus eigener Erfahrung, was es heißt, ständig erklären, kämpfen und stark sein zu müssen.
Ich bin schon seit 2010 als Coachin tätig und seit ein paar Jahren begleite ich Mütter und Eltern autistischer und anderer neurodivergenter Kinder mit all ihren Herausforderungen. Hier geht es häufig um das, was nach der Diagnose kommt. Also, was machen wir jetzt? Wie gehe ich mit meinen Unsicherheiten um? Welche Anträge muss ich stellen? Was muss die Schule wissen und welchen Nachteilsausgleich gibt es hier für mein Kind?
Diese und viele andere Fragen werden mir regelmäßig gestellt und so entstand dann die Idee zum Buch.
Als ich recherierte, stellte ich fest, dass es immer noch kein Buch gab, dass auf die Fragen nach der Diagnose Autismus Antwort gab. Und dass es immer noch keine Checklisten gab, die einen Schritt für Schritt durch die einzelnen Themen begleiteten. Es war also naheliegend, genau dieses Buch zu schreiben und so einen Leitfaden zu erstellen, der die Eltern durch die einzelnen Phasen hindurch führt und begleitet.
So entstand “Mein Kind ist autistisch” (den Link dazu findest du unten).
Es zeigt dir, welcher Rahmen möglich ist und was in der Kita und später in der Schule beachtet werden sollte. Doch autistische Kinder sind auch viel zu Hause und so behandelt das Buch auch, wie der Umgang mit Geschwistern gehen kann, wie es mit Hobbys und Freunden aussieht und wie das häusliche Umfeld reizarm gestaltet werden kann. Mir ist wichtig, dass es dabei immer um die Bedürfnisse des eigenen Kindes geht. Irgendwann werden auch diese Kinder erwachsen. Und so habe ich auch beschrieben, was nach der Schule kommt. Wie sieht es mit der Ausbildung aus? Kann ein autistisches Kind jemals alleine wohnen oder eine Partnerschaft führen? Fragen, die sich alle Eltern stellen. Ganz wichtig war mir, auch die Eltern zu stärken. Nur wenn ich als Mama oder Papa in meiner eigenen Kraft bin, kann ich mich optimal für mein besonderes Kind einsetzen.
Diagnose Autismus oder ADHS: Zwischen Schock, Angst und Erleichterung
Viele Eltern erleben die Diagnose Autismus möglicherweise zunächst als eine Art Schock. Was passiert in diesem Moment emotional?
In meiner Praxis erlebe ich zwei Typen. Die einen, die wirklich wie in einem Schock sind.
Nicht unbedingt, weil sie ihr Kind plötzlich anders sehen, Viele haben ja schon lange gespürt, dass ihr Kind anders wahrnimmt, anders reagiert oder mehr Unterstützung braucht.
Der Schock entsteht eher durch das Wort Diagnose. Plötzlich steht es da Schwarz auf Weiß. Und dann kommen viele Gedanken gleichzeigt.
Gedanken wie, was habe ich falsch gemacht? Was habe ich übersehen?
Andere spüren Trauer oder Angst. Gedanken wie, wieso werde ich mit so einem Kind “gestraft”? Wie wird der Weg meines Kindes aussehen? Wird es ein selbstständiges Leben führen können?
Hier braucht es viel Fingerspitzengefühl. Denn diese Eltern haben nichts falsch gemacht.
Und ganz häufig mischt sich noch etwas dazu: Unsicherheit.
Viele Eltern merken in diesem Moment, dass sie über Autismus eigentlich noch sehr wenig wissen.
Autismus ist angeboren und tritt irgendwann sichtbar zu Tage. Bei manchen Kindern merkt man das schon sehr früh, da sie nie anfangen, Blickkontakt zu suchen. Früher hat man sie Frühkindliche Autisten genannt. Bei anderen fällt es erst im Kindergarten oder in der Schule auf. Mädchen fallen häufig noch später auf, da sie besser im Maskieren sind. Sie beobachten genau, welches Verhalten gewünscht ist und verhalten sich entsprechend, obwohl es sie wahnsinnig viel Energie kostet.
Also geht es bei den Eltern erst einmal darum zu akzeptieren, dass sie ein autistisches Kind haben.
Und der zweite Typ, den ich erlebe, fühlt sich erst einmal erleichtert. Endlich gibt es eine Erklärung für all die Situationen, die vorher so schwer einzuordnen waren.
Ihnen geht es meistens so, wie es auch bei mir war. Sie wollen etwas tun. Für sich und für ihr Kind – in allererster Linie für ihr Kind. Sie fragen konkret nach möglichen Hilfen. Was können sie jetzt beantragen? Welche Hilfe gibt es?
Eine Diagnose löst oft viele Gefühle gleichzeitig aus – Erleichterung, Sorge, Fragen und manchmal Überforderung.
Und genau deshalb ist es so wichtig, dass Familien in dieser Phase nicht allein bleiben. Mit guten Informationen, verständnisvollen Fachpersonal, anderen Eltern, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann aus diesem ersten Schock etwas anderes entstehen:
Verstehen, Orientierung und neue Zuversicht für einen gemeinsamen Weg.
Vom Ausnahmezustand zur Akzeptanz: Wie ein Perspektivwechsel gelingen kann
Du sprichst in deinem Buch davon, aus der Herausforderung eine Bereicherung zu machen. Wie kann dieser Perspektivwechsel gelingen?
Auch das ist unterschiedlich und kommt ein wenig darauf an, von welchem Punkt die Eltern zu mir kommen.
Meist entsteht ein Perspektivwechsel nicht sofort.
Wir hatten gerade, welches Gefühlschaos nach einer Diagnose entstehen kann. Unsicherheit, Sorge, manchmal Trauer, weil man die eigenen Vorstellungen vom erdachten Familienleben loslassen muss.
Daher ist ein Perspektivwechsel kein Schalter, den man umlegen kann, sondern ein Weg, den man Schritt für Schritt gehen darf.
Akzeptanz ist schon mal ein wichtiger Schritt. Wenn akzeptiert wurde, dass ein Autist in der Familie lebt und dass das Familienleben anders laufen wird, als man es sich vielleicht vorgestellt hat, ist schon viel gewonnen. Dann beginnen Familien sich auf die Eigenheiten des autistischen Kindes einzustellen und nehmen die entsprechenden Anpassungen vor.
Autisten können das Familienleben bereichern, wenn man ihnen gestattet, sie selbst zu sein.
Ein weiterer Schritt kann sein, Autismus besser zu verstehen. Wenn Eltern begreifen, wie ihr Kind wahrnimmt, denkt und reagiert, verändert sich viele Situationen im Alltag. Dinge, die vorher wir “schwieriges Verhalten” wirkten, ergeben plötzlich Sinn.
Es hilft unglaublich, den Blick nicht nur auf die Schwierigkeiten zu richten, sondern auch auf die Fähigkeiten des Kindes. Viele autistische Kinder bringen besondere Stärken mit, wie große Ehrlichkeit, eine intensive Wahrnehmung, ein beeindruckendes Wissen in ihrem Interessensgebiet oder auch eine unglaubliche Ausdauer, wenn sie etwas interessiert.
Und dann passiert noch etwas anderes:
Viele Familien entdecken auf diesem Weg auch neue Seiten an sich selbst. Sie entwickeln Geduld, Kreativität und Humor in Situationen, die früher einfach nur anstrengend waren.
Natürlich wird aus einer Herausforderung nicht automatisch eine Bereicherung, aber die kann zu einer werden, wenn wir anfangen, unser Kind nicht ständig mit anderen zu vergleichen, sondern zu sehen, wer es wirklich ist.
Mythen über Neurodiversität und was wirklich stimmt
Welche Mythen über Autismus begegnen dir immer wieder?
Interessante Frage! Ja, es gibt in der Tat ein paar Mythen, die mir immer wieder begegnen.
- Autisten sind geistig behindert oder alle hochbegabt. Beides gibt es und doch trifft weder das eine noch das andere auf alle Autisten zu. Beides ist bei einzelnen Autisten zu finden und doch sind alle Autisten unterschiedlich. Kennst du einen Autisten, kennst du genau einen.
- Autisten hätten keine Gefühle. Eher das Gegenteil ist der Fall. Sie fühlen viel und tief und drücken es anders aus, als wir anderen.
- Autisten schauen einem nicht in die Augen. Etwas womit viele Eltern zu kämpfen haben. Viele Autisten haben im Laufe ihrer Kindheit gelernt, dass es andere gern haben, wenn man ihnen ins Gesicht schaut. Mein Sohn macht das aus. Allerdings schaut er einem nicht wirklich in die Augen, sondern schaut zwischen die Augenbrauen. Leider sind auch viele Ärzte noch davon überzeugt, wenn ein Kind einem ins Gesicht schaut, kann es kein Autismus sein.
- Autismus entsteht durch falsche Erziehung. Früher war man davon überzeugt, Autismus entsteht durch die Gefühlskälte der Mutter. Das ist natürlich Unsinn und mittlerweile widerlegt. Doch auch die beste Erziehung hilft nicht, Autismus “wegzutrainieren”.
- Autismus entsteht durch Impfen. Natürlich gibt es immer wieder Impfschäden oder starke Reaktionen auf Impfungen. Doch es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass Autismus durch eine Impfung entstanden ist. Es gab eine Studie, auf die sich immer wieder berufen wird. Wenn man aber weiß, dass bei dieser Studie gerade mal 12 (!) Teilnehmer teilnahmen, kann man sich vorstellen, wie aussagekräftig sie ist.
- Autismus ist heilbar. Das braucht man keinem erwachsenen Autisten sagen. Das wäre so, als würde man ihnen ihre Persönlichkeit absprechen.Leider gibt es immer wieder Heilversprechen von Firmen und Einzelpersonen, die behaupten man könne Autismus heilen. Doch Autismus ist keine Krankheit, sondern ein anderes Betriebssystem im Kopf. Das kannst du am besten mit Linux und Microsoft vergleichen oder mit einem Apple Handy und einem Samsung Handy. Das eine wird nicht zum anderen, egal was man macht. Bestimmte Nahrungsmittelergänzungen können allerdings unterstützen und manches Verhalten dann abfedern.
Verhalten verstehen statt bewerten: Was hinter „Problemverhalten“ steckt
Was wird im Außen oft als „Problemverhalten“ gesehen, ist aber eigentlich ein Ausdruck von Stress oder Überforderung?
Ganz häufig sind es Situationen, in denen ein Kind plötzlich laut wird, wegläuft oder sich komplett verweigert. Von außen wirkt das schnell wie Trotz oder „schlechtes Benehmen“.
In Wirklichkeit steckt dahinter aber oft etwas ganz anderes: Überforderung.
Autistische Kinder nehmen ihre Umwelt sehr intensiv wahr. Geräusche, Gerüche, Licht, viele Menschen oder unerwartete Veränderungen können schnell zu viel werden. Wenn das Nervensystem überlastet ist, sucht der Körper einen Weg, damit umzugehen.
Das Verhalten, das wir dann sehen, ist also kein Problemverhalten. Es ist ein Signal.
Ein Signal dafür, dass gerade etwas zu viel ist.
Wenn wir anfangen, Verhalten als Kommunikation zu verstehen, verändert sich der Blick. Dann geht es nicht mehr um „Wie stoppe ich dieses Verhalten?“, sondern um die Frage:
Was braucht mein Kind gerade, damit es sich wieder sicher fühlen kann?
Meltdown, Shutdown oder Wutanfall? Stressreaktionen bei neurodivergenten Kindern begleiten
Lass uns mal über den Familienalltag mit einem autistischen Kind sprechen: Wie können Eltern Meltdowns besser verstehen und begleiten? Welche Rolle spielt Reizverarbeitung im Alltag?
Ein Meltdown ist kein Wutanfall. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied.
Bei einem Wutanfall versucht ein Kind meistens, etwas zu erreichen. Bei einem Meltdown ist das Nervensystem bereits völlig überlastet. Das Kind kann sich in diesem Moment nicht mehr regulieren.
Viele autistische Kinder verarbeiten Reize sehr intensiv. Geräusche, Gespräche, Licht, Bewegungen, Erwartungen – all das summiert sich im Laufe eines Tages.
Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das System sagt: Jetzt geht nichts mehr.
Für Eltern kann es sehr entlastend sein, das zu wissen.
Denn ein Meltdown ist kein Erziehungsproblem. Es ist ein Stresssignal.
Was in solchen Momenten hilft, ist vor allem eines: Sicherheit.
Doch was kann man als betroffene Mutter oder Vater tun?
Ganz wichtig ist, dass du selbst ruhig bleibst. Das schaffst du am einfachsten, indem du dir innerlich vor Augen führst, dass dein Kind nicht dich damit meint. Dein Kind benötigt jetzt deine Hilfe und die kannst du ihm jetzt am besten geben, in dem du Ruhe ausstrahlst.
Reduziere alle Reize, die dein Kind weiter überfordern. Licht aus, alles, was sich noch bewegt muss aus dem Sichtfeld. Geräusche können überfordern. Achte auf Hintergrundgeräusche, Musik, Straßenlärm. Auch hier kannst du für Entlastung sorgen.
Die meisten Kinder im Meltdown wollen in dem Moment nicht berührt, angefasst oder gehalten werden. Und sie sind nicht in der Lage, auf deine Fragen zu antworten.
Reize reduzieren bedeutet deshalb oft ganz praktisch:
- den Raum ruhiger machen
- weniger sprechen
- Abstand zu anderen Menschen schaffen
- Licht oder Geräusche reduzieren
- und dem Kind Zeit geben, wieder herunterzufahren
In solchen Momenten geht es nicht darum, etwas zu „lösen“.
Es geht erst einmal darum, dem Nervensystem zu helfen, wieder in einen ruhigeren Zustand zu kommen.
Zeig deinem Kind: Ich bin da.
Erst danach kann ein Kind wieder zuhören, sprechen oder etwas erklären.
Langfristig hilft es, gemeinsam herauszufinden, welche Situationen besonders anstrengend sind und wo kleine Entlastungen im Alltag möglich sind.
Wichtig zu wissen ist, dass nicht alle überlasteten Kinder mit einem Meltdown reagieren. Manche reagieren genau andersherum. Statt laut zu werden, ziehen sie sich komplett zurück. Sie sprechen nicht mehr, wirken wie “abgeschaltet” oder erstarren. Auch das ist eine Stressreaktion. Der Körper versucht sich zu schützen, indem er herunterfährt. Das nennt man dann Shutdown.
Autismus und ADHS: Gemeinsamkeiten, Unterschiede und häufige Missverständnisse
Du hast ein Kind mit der Diagnose Autismus und eines, das mit ADHS diagnostiziert wurde. Wo siehst du Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Autismus und ADHS? Was wird im Alltag häufig verwechselt?
Es gibt tatsächlich einige Überschneidungen. Sowohl Kinder mit Autismus als auch Kinder mit ADHS können Schwierigkeiten mit Reizverarbeitung, Impulskontrolle oder sozialen Situationen haben. Für Außenstehende wirkt das manchmal sehr ähnlich.
Der Unterschied liegt häufig im „Warum“.
Bei ADHS geht es oft um Impulsivität, einen starken Bewegungsdrang und Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu steuern. Bei meinem Großen hat man das schon im Kreissaal gemerkt. Kaum auf der Welt konnte er seinen Kopf alleine halten und schaute sich neugierig um. Ich glaube, er ist mit dem Lebensmotto “Zeig mir die Welt jetzt!” auf die Welt gekommen. Dieses fordernde Verhalten von jetzt, sofort, konnte schon ganz schon anstrengend sein. Geduld und Warten gehören definitiv nicht zu seinen ausgeprägten Stärken.
Bei Autismus steht häufiger die Reizverarbeitung und das Bedürfnis nach Struktur und Vorhersehbarkeit im Vordergrund. Mein Kleiner hat eher das Lebensmotto “Die Welt kann warten!”. Was den Großen in seiner Kindheit häufig in die Verzweiflung trieb. Der Kleine hatte immer die Ruhe weg. Und wenn man ihm sein Tempo gelassen hat, dann war das ein tolles Zusammenleben. Leider hat die Schule das anders gesehen. Da ging es nicht um sein Tempo, sondern um das der Schule. Lehrpläne wollten eingehalten werden und das führte zwangsweise zu Problemen.
Was im Alltag oft verwechselt wird, ist zum Beispiel Rückzug.
Ein autistisches Kind zieht sich manchmal zurück, weil es zu viele Reize verarbeiten muss.
Ein Kind mit ADHS wirkt eher unruhig oder sucht ständig neue Reize.
Beides hat also mit der Regulation des Nervensystems zu tun – zeigt sich aber auf unterschiedliche Weise.
Und manchmal gibt es auch beides gleichzeitig.
Mein Kind ist „anders“ – erste Schritte bei Verdacht auf Neurodivergenz
Wenn ich als Elternteil merke, dass mein Kind “anders” ist und darüber nachdenke, mein Kind diagnostizieren zu lassen, was würdest du mir raten, wie ich vorgehen sollte?
Der wichtigste erste Schritt ist: Nimm dein Gefühl ernst.
Eltern spüren oft sehr früh, dass ihr Kind anders wahrnimmt oder anders auf die Welt reagiert. Dieses Gefühl ist kein „Übertreiben“. Es ist meistens ein sehr feiner Beobachtungssinn.
Nur die Eltern sind die Experten ihres Kindes. Leider werden sie im Außen häufig anders wahrgenommen und auch anders bewertet. Doch kein Arzt, keine Psychologin oder auch kein Psychiater kennt dein Kind in allen Facetten so gut wie du. Bitte behalte das unbedingt im Hinterkopf.
Der nächste Schritt kann sein, sich zunächst gut zu informieren und das Gespräch mit dem Kinderarzt zu suchen. Häufig sind auch Sozialpädiatrische Zentren oder spezialisierte Ambulanzen gute Anlaufstellen.
Die Erfahrung zeigt, je besser du vorbereitet bist, desto einfacher gestalten sich die Gespräche.
Damit meine ich konkret: Mach dir Notizen über das Verhalten deines Kindes. Wann beobachtest du was? Sprich mit den Erziehern im Kindergarten oder den Lehrkräften in der Schule und lass dir ihre Beobachtungen berichten.
Und ganz wichtig, lass alle Fachbegriffe weg! Sprich nicht über Meltdown oder Shutdown, auch wenn es genau das ist, was du erlebt hast. Beschreibe das Verhalten deines Kindes so genau wie möglich. Fachbegriffe sind im ICD 10* und auch zukünftig im ICD 11* nicht enthalten. Für die Diagnostik wird das Verhalten deines Kindes benötigt.
Wenn du also dem Arzt beschreibst, was zu einem totalen Ausraster (Meltdown) geführt hat. Wie lange dieser Ausnahmezustand angehalten hat und wie es deinem Kind danach ging, hilft das dem Arzt viel mehr. So kann er oder sie sich ein genaueres Bild machen.
Eine Diagnose kann für viele Familien sehr entlastend sein.
Nicht, weil sich das Kind dadurch verändert – sondern weil plötzlich vieles erklärbar wird.
Und weil sich dadurch neue Unterstützungsmöglichkeiten öffnen.
Mein Rat an Eltern ist deshalb immer: Seht eine Diagnostik nicht als Stempel. Sondern als Schlüssel zu mehr Verständnis.
*Über ICD10 und ICD11
*ICD 10 bzw. ICD 11 Die ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, 10. Revision) ist das weltweit führende Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen, herausgegeben von der WHO. Sie verschlüsselt Krankheiten, Symptome und Todesursachen in alphanumerische Codes (z.B. F84 für Autismus), was eine einheitliche Dokumentation, Abrechnung und Statistik ermöglicht
Welche besonderen Stärken beobachtest du bei autistischen Kindern?
Wie können Eltern diese Stärken bewusst fördern?
Autistische Kinder bringen oft Fähigkeiten mit, die in unserer Gesellschaft unglaublich wertvoll sind.
Viele von ihnen haben eine sehr klare Wahrnehmung. Sie denken strukturiert, erkennen Details, die anderen entgehen, und können sich mit großer Ausdauer in Themen vertiefen, die sie interessieren.
Ich erlebe außerdem oft eine große Ehrlichkeit und eine sehr direkte Art der Kommunikation.
Diese Stärken zu fördern bedeutet vor allem: Raum dafür zu geben.
Wenn ein Kind sich intensiv für ein Thema interessiert, lohnt es sich, dieses Interesse ernst zu nehmen und zu unterstützen. Genau daraus können später große Kompetenzen entstehen.
Und vielleicht ist das Wichtigste:
Autistische Kinder müssen nicht „repariert“ werden.
Sie brauchen vor allem Menschen, die ihre Art zu denken und wahrzunehmen verstehen.
Welche Botschaft möchtest du Eltern ans Herz legen?
Geht nicht, gibt’s nicht!
Lass dich nicht entmutigen.
Ja, neuodivergente Kinder können anstrengend sein, das sind “normale” Kinder auch manchmal.
Ja, Ämter können lange brauchen und es kann schwierig mit ihnen werden. Bleib dran! Für dein Kind.
Ja, auch unser Schulsystem ist nicht gut für neurodivergente Kinder aufgestellt. Bleib im Gespräch, denn so entstehen Lösungen, die deinem Kind helfen, durch all die Unebenheiten hindurchkommen.
Liebe Britta, ich danke dir ganz herzlich für das Interview. Viele Eltern fühlen sich vor oder nach einer Diagnose ihres Kindes unsicher und ich finde es unfassbar toll, was du hier für tolle Arbeit in Sachen Aufklärung über Neurodivergenz und Begleitung von Eltern leistest.
Über Britta Zytariuk

Britta Zytariuk begleitet als Neuro-Coach® und Entspannungspädagogin seit einigen Jahren Eltern autistischer Kinder, die in einem Alltag voller Anforderungen, Unsicherheiten und gut gemeinter Ratschläge oft den eigenen inneren Kompass verloren haben.
Mit ihrem Buch „Mein Kind ist autistisch“gibt sie Familien eine klare, alltagsnahe Orientierung und zeigt Wege, wie sie mit mehr Ruhe, Verständnis und Selbstvertrauen durch herausfordernde Situationen gehen können.
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