Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe – und in wie vielen unterschiedlichen Zusammenhängen. Essen, Stillen, Schlafen, Töpfchentraining, Auszeiten, physische oder psychische Strafen – egal, welches Thema in der Kindererziehung oder der Kinderbeziehung betroffen ist, diesen Satz habe ich schon an so vielen Stellen gehört. Mal als Vorwurf, mal als Kommentar, mal als Verteidigung. Und ich habe mich immer über diesen Satz aufgeregt und wusste nie wirklich, wie ich darauf schlagfertig reagieren sollte.

Liebe*r „Das hat mir doch auch nicht geschadet“-Sager*in,

heute möchte ich mal was sagen: woher willst du wissen, ob es dir nicht geschadet hat? Woher willst du wissen, wie dein Leben anders gelaufen wäre, wenn das, was dir angeblich nicht geschadet hat, nicht passiert wäre? Wir können schließlich nicht in der Zeit zurück gehen und das Leben ab diesem Punkt noch mal neu leben.

Bist du denn sicher, dass es dir nicht geschadet hat? Was dadurch zumindest verloren gegangen zu sein scheint, ist deine Empathie. Dir hat es deiner Meinung nach nicht geschadet, mal einen Klaps auf den Hintern bekommen zu haben, wieso soll es einem anderen schaden?

Naja, Tatsache ist, die Studien sprechen gegen dich. Zahlreiche Studien zeigen, dass Kinder durch lautes Schimpfen und körperliche Strafen in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden1. Davon abgesehen, ist es in Deutschland zum Glück laut Gesetz verboten:

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

https://lexetius.com/BGB/1631,3

Und noch eine Frage: selbst wenn du davon überzeugt bist, dass es dir nicht geschadet hat, woher willst du wissen, ob es deinem Kind schadet? Wie es sich anders entwickeln würde, wenn es wirklich gewaltfrei und bedürfnisorientiert erzogen werden würde? Wie bei deiner eigenen Vergangenheit können wir auch hier nicht zurück gehen und das, was passiert ist, ob es nun geschadet hat oder nicht, rückgängig machen.

Aber hey, wisst ihr, was wir alle tun können? Wir könnten ab sofort versuchen, nichts mehr zu tun, was unseren Kind schaden könnte. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, aber die Zukunft haben wir in unserer Hand – und die Zukunft unserer Kinder. Wie wäre es, wenn wir unsere Kinder beim nächsten Mal, wenn wir wütend auf sie sind, einfach mal nicht beschimpfen oder bestrafen, nicht zum „darüber nachdenken“ auf ihr Zimmer schicken, erst recht nicht schlagen oder zu etwas zwingen? Was können wir stattdessen tun, fragt ihr jetzt?

Wie wäre es, wenn wir versuchen, uns in unsere Kinder hineinzuversetzen und versuchen, ihr Handeln zu verstehen? Kinder wollen kooperieren, wer ein oder mehrere Bücher von Nicola Schmidt, Danielle Graf und Katja Seide oder Jesper Juul gelesen hat, der weiß das. Aber manchmal können wir die Kooperationsbereitschaft unserer Kinder nicht mehr sehen oder eine andere Kraft (Müdigkeit, Hunger, Aufmerksamkeit,…) ist stärker. Und was dann?

Was mir hilft, ist Verständnis zeigen und versuchen, die Gefühle meines Kindes zu spiegeln: „Ich weiß, du bist müde und hattest einen anstrengenden Tag und du hast keine Lust mehr, mit mir einkaufen zu gehen und möchtest lieber weiter spielen. Aber wir brauchen noch Lebensmittel fürs Abendessen und sobald wir vom Einkaufen zurück sind, kannst du weiter spielen.“ Und dann warte ich kurz, bis es fertig gespielt hat, meist dauert das auch nicht länger als fünf Minuten.

Und wenn ich merke, dass mein Kind wirklich nicht mehr in der Lage ist, mit mir mitzukommen, dann gehen wir halt nicht mehr einkaufen und es gibt kein warmes Abendessen. Das schadet meinem Kind und mir für heute auch nicht. Ich finde, der Schaden an unserer Beziehung, wenn ich mein Kind zwinge, etwas gegen seinen Willen zu tun, oder ihm Konsequenzen oder Strafen androhe, wenn es jetzt nicht sofort mitkommt, ist am Ende größer – dann lieber nur Brot zum Abendessen.

Am besten ist es natürlich immer, wenn man im Voraus planen kann und vor allem am späten Nachmittag keine Besorgungen mehr machen muss, aber das ist – je nach Tagesablauf und anstehenden Terminen – auch nicht immer möglich. Und wenn ich doch noch wichtige Besorgungen machen muss, die sich nicht verschieben lassen, dann muss ich im Zweifel mit schlecht gelaunten Kindern rechnen, die eigentlich überhaupt keine Lust mehr haben, das Haus heute noch mal zu verlassen, und ich muss in der Lage sein, mit dieser schlechten Laune meiner Kinder leben zu können.

Wie wäre es, vor dem Losgehen, einmal durchzuatmen und zu versuchen, die Ruhe zu bewahren statt zu schimpfen und zu drohen? Ich bin mir sicher, das hat mir noch nie geschadet!

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Sonnenkinderleben.de: Ich bin Jenni und hier findest du mehr über mich.

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