Warum Überforderung kein persönliches Versagen ist
Wenn bei einem Kind eine Legasthenie oder Dyskalkulie festgestellt wird, verändert das nicht nur seinen Schulalltag. Auch für die Familie beginnt häufig eine intensive Zeit voller Fragen, Unsicherheiten und neuer Herausforderungen. Viele Eltern müssen sich zunächst einmal mit Begriffen auseinandersetzen, Fördermöglichkeiten recherchieren und lernen, wie sie ihr Kind bestmöglich unterstützen können.
In meiner Arbeit begegnen mir dabei vor allem Mütter, die irgendwann sagen: „Ich kann einfach nicht mehr.“ Sie haben das Gefühl, ständig an alles denken zu müssen, zwischen Schule, Familie und Beruf zu jonglieren und gleichzeitig ihrem Kind gerecht werden zu wollen. Genau darüber habe ich mit Lerncoachin Christina in einem Instagram Live gesprochen. Uns war wichtig, nicht nur über Legasthenie und Dyskalkulie zu sprechen, sondern auch über die Mütter dahinter – und darüber, warum gerade sie so häufig an ihre Grenzen kommen.
Unser Live-Gespräch: Mamas von Kindern mit Lernschwierigkeiten am Limit
Das komplette Gespräch kannst du dir hier ansehen:
Zeitmarken des Videos:
- 00:00 Begrüßung und Vorstellung
- 01:36 Unterschied zwischen LRS und Legasthenie
- 03:48 Welche Herausforderungen haben betroffene Familien?
- 06:46 Hausaufgaben sind oftmals der Knackpunkt
- 08:26 Wenn Mamas die Geduld verlieren
- 11:17 Der aktuelle Stand der Forschung
- 14:24 Was können Mütter tun?
- 18:31 Was ist ein feministisches Coaching?
- 21:49 Rollenbilder und Mütterbilder
- 25:13 Weniger Mental Load: Aufgabenpakete abgeben
- 27:03 Abschlussgedanken und Wrap-Up
Wenn du das Video gerade nicht anschauen möchtest, findest du im Folgenden die wichtigsten Gedanken aus unserem Gespräch – ergänzt um die Perspektiven auf Care-Arbeit, Überforderung und gesellschaftliche Rollenbilder:
Legasthenie oder LRS – wo liegt eigentlich der Unterschied?
Ein Thema, das viele Eltern verunsichert, ist die Frage, ob Legasthenie und LRS eigentlich dasselbe sind. Die Begriffe werden im Alltag oft synonym verwendet, beschreiben aber unterschiedliche Dinge.
Legasthenie ist eine genetisch bedingte Lernstörung. Das bedeutet, dass die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben nicht durch mangelndes Üben oder fehlende Motivation entstehen. Sie begleiten die betroffenen Kinder ein Leben lang. Mit einer passenden Förderung können sie jedoch wirksame Strategien entwickeln und lernen, ihre Stärken zu nutzen.
Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) hingegen kann unterschiedliche Ursachen haben. Sie kann beispielsweise infolge längerer Fehlzeiten, belastender Lebenssituationen oder ungünstiger Lernbedingungen entstehen und muss nicht dauerhaft bestehen. Mit der richtigen Unterstützung kann sich eine LRS auch wieder zurückbilden.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Nicht nur für die Diagnostik und die passende Förderung, sondern auch für die Eltern. Wer versteht, womit das eigene Kind zu kämpfen hat, kann die Situation realistischer einordnen und nimmt häufig auch Druck aus den eigenen Erwartungen.
Wenn die Diagnose den Familienalltag verändert
Im weiteren Verlauf unseres Gesprächs wurde deutlich, dass die eigentliche Belastung für viele Familien gar nicht allein in der Legasthenie oder Dyskalkulie liegt. Vielmehr verändert sich der gesamte Alltag.
Plötzlich müssen Gespräche mit Lehrkräften geführt, Fördermöglichkeiten recherchiert, Übungszeiten organisiert und Anträge gestellt werden. Gleichzeitig braucht das Kind emotionale Begleitung, weil Misserfolge, Frustration oder der Vergleich mit anderen Kindern am Selbstwert nagen können. Viele Mütter beschreiben, dass sie ständig versuchen, ihr Kind zu motivieren, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen – ein Balanceakt, der viel Kraft kostet.
Genau an diesem Punkt begegnen wir uns mit unseren unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. Christina erlebt in ihrer Arbeit, wie viel Unterstützung Kinder und ihre Familien benötigen. Ich erlebe, wie schnell Mütter beginnen, diese zusätzliche Verantwortung vollständig zu übernehmen.
Überforderung ist selten das eigentliche Problem
Viele Frauen kommen zu mir mit dem Gefühl, sie seien einfach nicht gut genug organisiert oder nicht belastbar genug. Sie glauben, sie müssten gelassener sein, Prioritäten besser setzen oder sich einfach mehr zusammenreißen.
Wenn wir jedoch gemeinsam auf ihren Alltag schauen, zeigt sich meist ein ganz anderes Bild. Sie koordinieren Fördertermine, sprechen mit Lehrkräften, begleiten Hausaufgaben, recherchieren Hilfsmittel, informieren sich über Legasthenie oder Dyskalkulie, fangen Frust auf und versuchen gleichzeitig, den restlichen Familienalltag am Laufen zu halten.
Aus meiner Sicht liegt genau hier der entscheidende Perspektivwechsel: Die Überforderung ist häufig nicht das Problem. Sie ist vielmehr eine nachvollziehbare Reaktion auf eine Situation, in der dauerhaft sehr viel Verantwortung auf wenigen Schultern liegt.
Warum gute Organisation allein nicht ausreicht
Gerade Mütter hören häufig den Rat, sich besser zu organisieren. Natürlich kann eine gute Organisation entlasten. Sie löst aber nicht das eigentliche Problem.
Denn viele dieser Aufgaben lassen sich gar nicht einfach effizienter erledigen. Sie erfordern Aufmerksamkeit, emotionale Präsenz und ständiges Mitdenken. Wer ein Kind mit Legasthenie oder Dyskalkulie begleitet, hat häufig unzählige Dinge gleichzeitig im Kopf: den nächsten Fördertermin, das Gespräch mit der Lehrkraft, den Nachteilsausgleich, das tägliche Üben und die Frage, wie das eigene Kind unterstützt werden kann, ohne dass Lernen zum ständigen Konflikt wird.
Diese Form der Verantwortung ist nach außen oft unsichtbar. Genau deshalb wird sie so selten als Belastung anerkannt.
Wo sind eigentlich die Väter?
An einer Stelle unseres Gesprächs fiel uns etwas auf: Wir sprachen die ganze Zeit über Mütter. Ganz selbstverständlich. Und genau das hat mich innehalten lassen. Warum sprechen wir eigentlich automatisch über Mütter – und nicht über Eltern?
Natürlich gibt es viele engagierte Väter. Gleichzeitig erleben sowohl Christina als auch ich in unserer Arbeit, dass es überwiegend Mütter sind, die Coachings buchen, sich über Legasthenie informieren, Fördermöglichkeiten recherchieren oder den Kontakt zur Schule übernehmen.
Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Vielmehr zeigt sich hier ein gesellschaftliches Rollenbild, das tief verankert ist. Von Müttern wird häufig erwartet, dass sie die Entwicklung ihrer Kinder im Blick behalten, Schwierigkeiten früh erkennen und sich kümmern. Diese Verantwortung wird selten ausdrücklich verteilt. Sie entsteht schleichend und wird irgendwann selbstverständlich.
Deshalb halte ich es für problematisch, wenn wir Müttern vor allem Tipps geben, wie sie sich besser organisieren können. Viel wichtiger erscheint mir die Frage, warum diese Verantwortung überhaupt so selbstverständlich bei ihnen landet. Solange wir diese Strukturen nicht mitdenken, bleibt Überforderung ein individuelles Problem – obwohl sie häufig gesellschaftliche Ursachen hat.
Was Familien wirklich entlastet
Zum Abschluss unseres Gesprächs haben wir darüber gesprochen, was Familien tatsächlich helfen kann. Für Christina steht dabei die passende Unterstützung des Kindes im Mittelpunkt. Je besser ein Kind versteht, wie es lernt, und je passender die Förderung ist, desto mehr Selbstvertrauen kann entstehen – und desto mehr Entlastung erlebt oft die ganze Familie.
Mir ist zusätzlich ein anderer Gedanke wichtig: Auch Mütter brauchen Unterstützung. Entlastung entsteht nicht nur durch bessere Organisation oder noch mehr Ratgeber. Sie entsteht vor allem dann, wenn Verantwortung sichtbar wird und auf mehrere Schultern verteilt werden kann. Das kann bedeuten, Aufgaben innerhalb der Familie neu zu verteilen, Unterstützung von außen anzunehmen oder den eigenen Anspruch loszulassen, alles allein schaffen zu müssen.
Unser Fazit
Wenn du Mutter eines Kindes mit Legasthenie oder Dyskalkulie bist und dich gerade erschöpft fühlst, möchte ich dir zum Schluss eines mitgeben: Du bist nicht überfordert, weil du versagt hast.
Du bist möglicherweise überfordert, weil du versuchst, einer Verantwortung gerecht zu werden, die oft viel größer ist, als eine einzelne Person dauerhaft tragen kann. Genau deshalb wünsche ich mir, dass wir den Blick verändern. Weg von der Frage, wie Mütter noch besser funktionieren können. Hin zu der Frage, was Familien wirklich brauchen – und wie Verantwortung gerechter verteilt werden kann.
Denn Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie brauchen keine perfekte Mutter. Sie brauchen Erwachsene, die gemeinsam Verantwortung übernehmen. Und Mütter brauchen die Erlaubnis, nicht alles allein tragen zu müssen.
Mehr über Christina
Du kannst Christina u.a. bei Instagram kontaktieren.
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Sonnenkinderleben.de: Ich bin Jenni und ich bin feministische Coachin, artgerecht® Erziehen ohne Schimpfen Coach, Dreifachmama, begeisterte Anwenderin der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg sowie Content- und Marketing-Expertin. Hier findest du mehr über mich.
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