Mein Who Cares-Rechner: So gelingt der Start in ein alltagsfeministisches Zusammenleben

Ein Gastbeitrag von Johanna Fröhlich Zapata

Was ist eigentlich Care-Arbeit?

Care-Arbeit bedeutet Fürsorge-Arbeit. Fürsorge ist ein umfänglicher Begriff. Er bedeutet „für” Jemanden oder im Falle der Selbst-Fürsorge für sich zu sorgen, also Verantwortung zu übernehmen.

Care-Arbeit umfasst im Kontext von Familie und Beziehung somit zum einen die Verantwortung für die „klassische” Hausarbeit, wie Kochen, Putzen, Aufräumen und Oberflächen abwischen.

Zum anderen kommen „unsichtbare Aufgaben” dazu, wie die Organisation der Geburtstage, das Verschicken der Weihnachtspost und die emotionale Arbeit des Tröstens, des Zuspruchs und der Besprechung möglicher Probleme. Diese unsichtbare Arbeit des Organisierens wird als Mental Load bezeichnet und ist extrem stressig – und wird vor allem von Frauen übernommen.

Warum übernehmen meist die Frauen die Care-Arbeit?

Das hat im Wesentlichen drei Gründe:

1. Fürsorge wird gelernt

Als Anthropologin weiß ich, dass wir kulturell geprägt werden. Wie ein Siegel markiert unsere Umgebung Glaubens- und Vorstellungsgrenzen. Es gibt, je nach Geschlecht (in unserer Kultur männlich oder weiblich), bestimmte kulturelle Erwartungen an Männer und an Frauen. Viele Menschen nehmen im Laufe ihres Lebens also „ihre Rolle als Frau“ oder „ihre Rolle als Mann” mit daran geknüpften Aufgaben an. Die Rolle geht dann in Fleisch und Blut über.

Frauen sind also nicht einfach fürsorglich, es gibt kein Fürsorge- Gen. Das würde bedeuten, dass Fürsorge in der Natur der Frau läge, Care-Arbeit ihrem Wesen entspräche und Mutterliebe und Empathie allen Mädchen angeboren sei.

Dass Fürsorge als natürlich, also biologisch weiblich deklariert wird, ist Teil des Problems: Die Essentialisierung („Frauen sind so, sich um andere Sorgen liegt in ihrem Wesen”) und Biologisierung („Mutter-Instinkt”) von Frauen hat zur Folge, dass bestimmte Aufgaben geschlechtsspezifisch wie ganz logisch verteilt werden. Diese Rollenaufteilungen gelten dann als normal. In diesem Zuge werden auch Ungleichbehandlungen und Benachteiligungen normalisiert.

2. Die Berufswahl ist Gender-spezifisch

Die Berufswahl ist obendrein ebenso Gender-spezifisch, das bedeutet, dass Mädchen und Jungen auf Grund ihrer unterschiedlichen Erziehung (Mädchen umsorgen ihre Puppen während Jungs ein größerer Bewegungsradius zugestanden wird) unterschiedliche Berufe wählen.

Die Bezahlung bestimmter Berufsfelder ist hier spannend, denn Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeführte werden, sind schlechter bezahlt. Auch bei gleicher Qualifizierung ist es so, dass sogar im selben Beruf im selben Betrieb Frauen schlechter bezahlt werden. Sie werden (weil Ihnen die Fürsorge zugeschrieben wird) weniger oft befördert.

Sobald Kinder geboren werden, lohnt es sich buchstäblich, dass also Männer Erwerbsarbeit leisten und nicht Care-Arbeit. Diesen Automatismus nach Geburt des ersten Kindes nennt sich Retraditionalisierungseffekt.

3. Politik

Gleichzeitig funktioniert das Steuersystem so, dass es den meist besser verdienenden Mann (siehe 2. Berufswahl ist gender-spezifisch) in eine finanziell komfortablere Position versetzt.

Wir sehen, es ist ein umfänglich politisches und gesellschaftliches Thema. Mit Biologie und dem Fürsorge-Gen kommen wir nicht weit. Die kulturelle Komponente (Stichwort Gendermarketing) gehört gesamtgesellschaftlich überarbeitet.

Wie können wir diesem Ungleichgewicht begegnen?

Ich empfehle dazu die folgenden drei Schritte:

1. Bewusstsein schaffen mit meinem Who Cares Rechner

Mit dem Who Cares Rechner finden Paare ein Instrument, um sich Ungleichheiten im eigenen Leben bewusst zu machen. Ich habe den Rechner in Zusammenarbeit mit dem Verhaltensbiologen Dr. Florian Ruland entwickelt.

Der Who Cares Rechner kennt den Durchschnitt der geleisteten Arbeit und den Anteil, den Frauen und Männer daran haben. Da Frauen im Laufe der Jahre einen erheblich größeren Anteil an Fürsorge-Arbeit leisten (vor allem als Mütter), ermittelt der Rechner den Wert, den sie für ihn ausgleicht [diese Zahlen stammen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und bilden den Durchschnitt ab].

Das Ergebnis schafft Bewusstsein über den tatsächlichen Wert eurer Arbeit und macht deutlich, was der Care-Gap mit eurem eigenen Leben zu tun hat. Hier findet ihr eine Grundlage, auf der diese Ungleichheit diskutiert werden kann: Wie wollen wir zusammen leben?

2. Die eigenen alltagsfeministischen Baustellen beobachten

Nach dem die Zahlen klar sind, schlage ich vor, dass sich beide selbst beobachten und sensibler werden mit dem eigenen Verhalten in der Partnerschaft in Bezug auf Care Arbeit.

Tauscht euch mit eurem Partner über Wünsche und Prioritäten aus. Ich möchte zum Nachdenken anregen und zu Gesprächen untereinander einladen. Der Fehler, der oft gemacht wird, ist ein kurzes Strohfeuer der Empörung, um dann wieder in den frustrierenden Alltag zurückzukehren zu den alten Verhaltensmustern.

3. Professionelle Unterstützung.

Ich empfehle euch eine tiefgreifende Beobachtung der Handlungs- und Denkimpulse, um ein neues Verständnis von sich als Frau zu entwickeln, dass über die eng gewordenen Rollenklischees hinausgewachsen ist.

Ich unterstütze Frauen dabei, ihr Ergebnis des who-cares?-Rechners einzuordnen, um neue Strategien auszuprobieren, die einen starken positiven Effekt haben. Ich persönlich glaube, dass das Ziel einer gleichberechtigten Partnerschaft ein Fürsorge-Versorge-Mix sein kann, der von beiden Partnern gleichermaßen geleistet wird.

Wir wollen ja nicht, dass sich Männer in Zukunft Ehefrauen „leisten”, die dann mit Hilfe des Rechners eine Rechnung an ihren Partner stellen. Es gibt kein Patentrezept. Jede meiner Klientinnen begleite ich zu einer individuellen Lösung, die zu ihrem Leben und ihren (oft im Coaching Prozess neu gewonnenen) Werten passt.

Die Auseinandersetzung ist herausfordernd und kann Dynamit für die Beziehung bedeuten. Eine professionelle Beratung für Paare kann hier ebenfalls hilfreich sein: Die Diskussion um das „Wie wollen wir leben“ wird auf neutralerem und konstruktivem Boden geführt. Hier wird Missverständnissen vorgebeugt und eine Mediation entschärft die mögliche Brisanz.

Über Johanna

Johanna Fröhlich Zapata ist Expertin für den Zusammenhang zwischen Care und emotionaler Gesundheit. Als Therapeutin für „Frauen, die alles wollen” weiß sie, wie stressig die Fürsorge-Arbeit für viele Frauen ist. Als Medizinanthropologin weiß sie auch: Stress und mental load haben gesundheitliche Konsequenzen.

In aller Konsequenz sichtbar wird das Problem zum Lebensabend, denn Care- Arbeit führt zu Altersarmut. Wer umsonst (haus-) arbeitet und in Teilzeit Kinder erzieht, hat weniger Rentenpunkte angespart.

Das sagt auch die Statistik: 2016 reichte bei 16 von 100 alleinstehenden Rentnerinnen das Einkommen nicht zum Leben. 2036 wird die Quote bei fast 30 % liegen. Insgesamt nimmt die Altersarmut bis dahin um 70% zu.

Paare machen oft den Fehler in alte Rollenmuster zu fallen. Das kann für alle sehr frustrierend sein. Als Therapeutin begleitet Johanna Fröhlich Zapata Frauen dabei, dieses Fürsorge- Dilemma zu lösen. In eigener Praxis in Berlin (Gestaltpsychologie) begleitet sie „Frauen, die alles wollen“ dabei, ihre Fürsorge wertzuschätzen. Mit guten Gefühlen über Überforderung und Stress zu kommunizieren führt zu überraschenden und unkonventionellen Lösungen.

Ideen und Gedanken für einen feministischen Alltag findet ihr auch auf ihrem Instagram-Kanal.

Dieser Gast-Beitrag ist Teil der Artikel-Serie zu Corona, Feminismus und Gleichberechtigung.

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